Kreatives Schreiben

Autor*innen im Gespräch 11: Raphaela Aigner (Ausnahmsweise Backbuch)

Geschrieben von Sonja

Über Interview Nr. 11 in unserer Reihe Autor*innen im Gespräch freue ich mich besonders: Wer mich kennt weiß, Mehlspeisen 🍰 haben bei mir nur eine kurze Lebenszeit. Die Entstehung eines Backbuchs interessiert mich daher als Schreibbegeisterte und als Tortenliebhaberin.

Raphaela Aigner finanzierte ihr Backbuch mittels Crowdfunding, und wählte damit eine relativ neue Möglichkeit der Finanzierung einer Buchveröffentlichung.

Darüber und zu ihrem Buchprojekt, dem Ausnahmsweise Backbuch, will ich mehr wissen und frage nach, u. a. zu folgenden Themen:

 

  • Wie entstand die Idee zum Buch?
  • Worin bestand in der Umsetzung die größte Herausforderung?
  • Was zeichnet ein gutes Rezept bzw. Backbuch aus?
  • Wie läuft ein Mehlspeisen-Fotoshooting ab?
  • Weshalb war das Crowdfunding-Projekt erfolgreich?
  • Welche Tipps gibt Raphaela Autor*innen, die diese Finanzierungsform anstreben?
  • Warum entschied sie sich für Selfpublishing?
  • Was würde sie, mit ihrem Wissen von heute, bei dem Buchprojekt anders machen?

Lass dich für deine Schreib- und/oder Backprojekte inspirieren, doch Achtung:

Für mögliche Nebenwirkungen – insbesondere akuten Heißhunger auf Kuchen, Torten, u. ä. – übernehme ich keine Haftung 😉 .

Vorstellung

Wir sind Raphaela Aigner und Julian Girsch und betreiben seit April 2018 gemeinsam das Café Ausnahmsweise in 1060 Wien, in dem wir uns auf vegane, glutenfreie Backwaren spezialisiert haben.

Ich, Raphaela, habe ursprünglich Medientechnik und danach im Master Umwelt und Bioressourcenmanagement an der BOKU studiert, hatte jedoch das Backen als Passion nebenher. Nachdem bei mir einige Lebensmittelunverträglichkeiten  diagnostiziert wurden, habe ich begonnen Backrezepte ohne glutenhaltiges Getreide oder tierische Produkte zu entwickeln und nach und nach auf Wochenendmärkten und anschließend in kleinen veganen Läden und Lokalen zu verkaufen. Die Nachfrage war groß und die Freude meiner Kund*innen bekräftigte mich darin, diesen Weg beruflich weiter zu verfolgen.

 

Julian kommt ursprünglich aus der Filmbranche, wo er als Beleuchter tätig war und hatte den Wunsch sich in die gastronomische Richtung umzuorientieren. Nachdem wir ein Paar wurden, kam die Idee auf, es gemeinsam mit dem Café-Projekt zu versuchen.

1. Wie und wann entstand die Idee zum Ausnahmsweise Backbuch?

In unserem kleinen, aber feinen Café bedienen wir mit glutenfreien, veganen Backwaren eine Nische die immer gefragter wird. Häufig wurden wir von Kund*innen gefragt ob man unsere Küchlein denn nachbacken könnte.

Einige Zeit lang betrieb ich daher einen Blog auf dem ich Hin und Wieder Rezepte veröffentlichte, die ich geschrieben hatte, der Wunsch mein über die Jahre angeeignetes Wissen in Buchform zu teilen, wurde jedoch immer größer.

Neben dem laufenden Café-Betrieb fand ich nie die Zeit mich diesem Projekt zu widmen. Im Zuge des ersten Lockdowns mussten wir jedoch, wie viele andere auch, unsere Türen schließen und diese unerwartet gewonnene Zeit habe ich genutzt um mich an unser Backbuch zu setzen.

2. Gab es einen Buch-Projektplan?

Da das Backbuch mein Herzensprojekt war,
habe ich mir keinen detaillierten zeitlichen Plan erstellt,
um keinen Stress zu erzeugen und das Buch entstehen zu lassen.

Raphaela Aigner

Ich habe das Projekt jedoch in verschiedene Meilensteine gegliedert, um den Fortschritt verfolgen zu können und auch das Gefühl zu haben, meinem Ziel näher zu kommen.

 

  • Der erste Schritt war hierbei ganz klar das Inhaltsverzeichnis beziehungsweise die Struktur des Buches. Ich erstellte verschiedene Kapitel/Kategorien und entschied mich für die Rezepte, die es ins Buch schaffen würden.
  • Zu dieser Struktur gab es dann einen Plan für welches Rezept die Mengenangaben nochmals für zu Hause ausprobiert werden mussten sowie wo noch Fotos zu machen waren.
  • Die nächsten Schritte waren die Texte zu jedem Rezept und anschließend die Gestaltung des Layouts.

3. Habt ihr euch für das Schreiben/Veröffentlichen des Buches Unterstützung geholt?

Da ich durch mein Medientechnikstudium mit Layout-Programmen vertraut war und Julian durch seinen beruflichen Background ein gutes Auge für Bilder und Fotografie hat, waren wir – was die technische Seite angeht – sehr gut ausgestattet.

Ich schreibe prinzipiell gerne, verirre mich jedoch manchmal in zu langen und umständlichen Formulierungen. Das ist bei einem Backbuch das einfach und nachvollziehbar geschrieben sein soll nicht unbedingt von Vorteil.

Daher habe ich die Texte einige Male selbst überarbeitet bis sie in der Form kürzer und knapper waren und anschließend eine sprachlich sehr begabte Bekannte für die Korrekturen engagiert. Ein zweiter Blick auf die Konstanz der Formulierungen sowie auf meine leider unzureichende Beistrichsetzung waren Gold wert!

4. Was war bei der Umsetzung der Buchidee die größte Herausforderung für dich?

Die größte Herausforderung war für mich einen Anfang zu finden.

Raphaela Aigner

Ich wusste schon länger, dass ich gerne ein Backbuch herausgeben würde, bevor ich angefangen habe, wirkte das Pensum an Arbeit, das auf mich zukommen würde, jedoch sehr einschüchternd. So viele Baustellen, ich wusste garnicht wo ich anfangen sollte.

 Sobald die Struktur stand, war es einfacher, da ich Punkte abarbeiten konnte.

Das Layout hat auf jeden Fall die meiste Zeit in Anspruch genommen, da ich mir oftmals unsicher war und mir die Arbeit des Vortages manchmal am nächsten Tag schon nicht mehr gefiel.

5. Wie sollte ein gutes Koch-/Backrezept geschrieben sein?

 

Ich selbst mag es, wenn Kochbücher klar strukturiert sind und die Anweisungen einfach und nachvollziehbar aufeinander folgen. Daher hat das Ausnahmsweise Backbuch immer eine Einkaufsliste auf der linken Seite jedes Rezeptes und die Texte selbst sind immer nach demselben Absatzschema gegliedert.

 

Beispielsweise für die Torten gibt es immer die Absätze:

  • „Für den Teig…“,
  • „Für die Creme…“ oder
  • „Für die Feinarbeit…“.

So weiß der/die Leser*in immer was auf ihn/sie zukommt und findet sich schon nach dem ersten Rezept in jedem weiteren mühelos zurecht.

6. Welchen Fehler gilt es bei Koch-/Backbüchern zu vermeiden?

Lange verschachtelte Sätze zu schreiben finde ich bei Kochbüchern fehl am Platz. Klar und prägnant sollte die Sprache sein. Die Abfolge der Arbeitsschritte sollte ebenfalls vorab gut durchdacht werden.

Das größte Fehlerpotential sehe ich darin, dass man als Autor*in mit der Materie extrem vertraut ist.
Man muss sich also vorab überlegen, wie man das Rezept für ein/e Leser*in schreibt der/die noch nie gebacken hat.
Vieles ist für mich selbstverständlich, für die Leserschaft jedoch nicht unbedingt. Hier hilft es die Rezepte einmal Probebacken zu lassen.

7. Ich blättere gerne in Backbüchern: Wenn ich die Fotos der fertigen Mehlspeisen sehe, bekomme ich Lust, die Rezepte auszuprobieren. Wie läuft eine Backwaren-Fotosession ab?

Wir haben alle Fotos im Café gemacht, da es ein großes Bogenfenster hat durch welches gut Tageslicht einfällt. Meistens war es einfach ein Herumprobieren beim Anrichten der Backwaren beziehungsweise manchmal auch bei der Deko, die wir benutzt haben.

 

Pro Rezept gibt es bestimmt 30-40 Fotos aus verschiedenen Winkeln, angeschnitten oder nicht angeschnitten sowie mit und ohne Deko.
Dann wurde auf der Kamera immer eine Vorauswahl getroffen und am Computer nochmals nachgesehen, ob Fotos dabei sind, die uns beiden gefallen.
Die schlussendliche Entscheidung ist immer erst direkt im Layout gefallen.

Wer hat die Fotos im Ausnahmsweise-Backbuch gemacht?

 

Oftmals haben wir beide unabhängig voneinander unseren Blickwinkel fotografiert und dann im Layout entschieden, welcher Stil besser passt. Manchmal war nur Zeit für eine/n von uns beiden. Im Endeffekt kommen die Fotos zu gleichen Teilen von Julian und mir.

 

8. Das Backbuch wurde mit einer Crowdfunding-Kampagne bei Startnext erfolgreich finanziert. Gratulation dazu! Wie ging es dir damit?

Das Aufsetzen der Kampagne war zuerst einmal beängstigend. Wir hatten das Buch zu diesem Zeitpunkt schon so gut wie fertig, das Einzige was fehlte war das Coverdesign, und es wäre natürlich sehr schade gewesen, hätte das Crowdfunding nicht funktioniert.

Vor allem in den ersten Tagen als die Kampagne online war, habe ich gefühlt im Stundentakt nachgesehen, ob wir bereits neue Unterstützer*innen haben.

Raphaela Aigner

Erst als unser erstes Fundingziel erreicht war (hiermit hätten wir eine sehr geringe Auflage drucken können), war ich etwas ruhiger.

Warst du dir sicher, dass es gelingt den notwendigen Investitionsbetrag aufzubringen?

Ich habe bereits, bevor ich mit den Arbeiten zum Backbuch begonnen habe, erste Kostenvoranschläge für den Druck eingeholt, um mir einen groben Überblick zu verschaffen welche Summe auf uns zukommen wird.

Da wir durch das Café den Vorteil haben direkt an unserer Ziel- und Verkaufsgruppe dran zu sein, war ich mir relativ sicher, dass wir die Mindestsumme zusammenbringen würden.

Jedes mal, als die Unterstützer*innenbeiträge über 1-2 Tage gleich blieben, kamen aber natürlich sofort Zweifel auf. Es war auf jeden Fall eine sehr aufregende Zeit!

9. Was denkst du, weshalb war euer Crowdfunding-Projekt erfolgreich?

Einerseits der direkte Kontakt zu unseren Kund*innen im Café und das Wissen, dass Nachfrage besteht.

 

  • Jede/r Kund/in im Café wurde auf die Kampagne aufmerksam gemacht und es wurden Infoblätter an die Scheiben gehängt (da zur Zeit der Kampagne noch Lockdown herrschte).

Andererseits muss man bei solchen Projekten wirklich über den gesamten Zeitraum werbetechnisch am Ball bleiben. Wir haben recht schnell gesehen, dass die Kampagne einschläft, wenn nicht täglich etwas dazu auf den sozialen Medien gepostet wird.

 

  • Weiters haben wir ein paar Influencer*innen, die genau zu unserer Zielgruppe passen (vegan, glutenfrei), gebeten im Gegenzug für ein gratis Backbuch unsere Crowdfunding Kampagne zu bewerben und
  • ich habe die Kampagne in diversen Facebookgruppen, die zur Zielgruppe passen geteilt.

Hast du Tipps für Autor*innen, die auch diese Finanzierung anstreben?

Ich würde vorab gut recherchieren welche Möglichkeiten der gratis Werbung bestehen.

Raphaela Aigner
  • Also welche Facebookgruppen gibt es, die interessant wären?
  • Wo kann ich Flyer verteilen?
  • Wie komme ich am besten an meine Zielgruppe heran?

Ein gutes, informatives Video in der Kampagne ist ein weiteres Muss, und es sollten bereits Probeseiten vorliegen, damit Unterstützer*innen sich ein Bild vom Projekt machen können.
Zu bedenken ist vorab vor allem die Höhe des Fundingziels. Da man gar nichts ausbezahlt bekommt, wenn das Ziel nicht erreicht wird, sollte es ein realistischer Betrag sein, allerdings nicht so niedrig, dass mögliche Unterstützer*innen denken „ach, es wurde sowieso schon finanziert, ich kauf es wenn es heraußen ist“.

Dieser Punkt hat uns lange Kopfzerbrechen bereitet und wir haben uns im Endeffekt auf eine Höhe geeinigt, mit der wir eine geringe Auflage hätten drucken können. Als dieses Ziel erreicht war, haben wir weiterhin geworben um unserem insgeheimen Fundingziel näher zu kommen. 

Ein weiterer kleiner Tipp:
Sollte es mit dem Crowdfunding nicht sofort klappen, könnte der Verkauf einer E-Book Version des Buches etwas Startkapital einbringen.

10. Weshalb hast du das Ausnahmsweise Backbuch im Self-Publishing veröffentlicht?

 

Ich habe im Vorfeld mit Buchautor*innen aus dem Koch-/Backsektor gesprochen und mich erkundigt wie die Kosten- und Gewinnverteilung aussieht, wenn man über einen Verlag geht. Wir bedienen mit unserem Café eine Nische. Das ist wunderbar, wird unser Backbuch aber nicht zum Bestseller im Buchhandel machen.

Da ich meine Kundschaft direkt im Café ansprechen kann und dort auch eine Verkaufsfläche habe, war es mir demnach wichtig selbst entscheiden zu können,

  • zu welchem Preis ich mein Buch verkaufen möchte und
  • in welcher Qualität und welcher Ausführung ich es drucken möchte.

Daher die Entscheidung zum Self-Publishing.

Den klaren Vorteil eines Verlages sehe ich, wenn man keine eigene Verkaufsfläche zur Verfügung hat. Selbst zu Buchhändlern zu gehen, und das gesamte Marketing beispielsweise eines Romans zu übernehmen, stelle ich mir um einiges schwieriger vor.

 

11. Wie lange hat das Buchprojekt insgesamt gedauert und wie war der Tag, an dem du das erste fertige Ausnahmsweise-Backbuch in Händen gehalten hast?

Insgesamt waren es um die 16 Monate, wobei wir nicht konstant daran gearbeitet haben sondern vieles nebenbei gelaufen ist. Die wirklich heiße Phase, in der sehr viele Stunden in das Projekt geflossen sind, waren in etwa 6-8 Monate. Natürlich könnte man auch die gesamte Rezeptentwicklung dazuzählen, dann wären wir allerdings bei etwa 5 Jahren 😉.

Gerade die Endphase des Buches, kurz bevor es in Druck gegangen ist, war extrem anstrengend und aufreibend für mich. Ich bin keine gelernte Grafikerin und musste mir einiges an Know-how für die Druckvorstufe aneignen. Die Angst etwas falsch zu machen und dann hunderte verhunzte Exemplare zu haben war sehr groß. Außerdem gab es um die 200 Unterstützer*innen, die auf ihr Exemplar warteten und ich wollte deren Erwartungen nicht enttäuschen, weshalb ich doppelt genau gearbeitet habe.

Als das Buch dann vom Druck kam, war ich erstmal so erledigt, dass ich es garnicht wirklich registriert habe. Ein paar Tage später habe ich dann begonnen immer wieder die druckfrischen Bücher durchzublättern und  mich riesig gefreut.
Ich war sehr stolz, das Projekt abgeschlossen zu haben.

Raphaela Aigner

12. Im Rückblick: Gibt es etwas, das ihr mit eurem Wissen heute, in Bezug auf das Buchprojekt anders machen würdet?

Wir haben beim Crowdfunding den Versand inkludiert aber nicht ausreichend gut berechnet. Im Endeffekt haben wir hier ziemlich draufgezahlt, da einige Bücher an uns zurück gekommen sind (da sie nicht abgeholt wurden) und wir hier den Versand sowie die Retoure bezahlt haben.

Weiters haben wir im Crowdfundingpreis auch keinen Unterschied zwischen Österreich, Deutschland und der Schweiz gemacht was im Nachhinein sehr unüberlegt war.

13. Nach dem Buch: Wie geht‘s weiter? Arbeitest du bereits an einem weiteren Buch oder hast du erst mal genug von Buchprojekten?

Fürs Erste bin ich froh, das Projekt abgeschlossen zu haben und die Bücher verkaufen zu können. Ein weiteres Buch ist erstmal nicht in Planung. Unser nächstes Projekt ab Herbst werden jedoch Backkurse sein.

Das Buch ist bei uns im Café oder auch im Webshop erhältlich.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Hier findest du weitere Infos: 

Das Café hat Dienstag bis Samstag von 12.00 bis 18.30 geöffnet und befindet sich in der Hofmühlgasse 18 in 1060 Wien.

Du hast die ersten Folgen unserer Interviewreihe Autor*innen im Gespräch versäumt? Hier kannst du sie nachlesen:

Interview 1: Alexander Greiner: “Als ich dem Tod in die Eier trat”

Interview 2: Klaus Rafenstein: “Der Weg zur exzellenten Führungskraft – Leuchtturm sein!”

Interview 3: Lena Raubaum: “Die Knotenlöserin”, “Qualle im Krankenhaus”, Qualle im Tierheim”

Interview 4: Barbara Wimmer: „Tödlicher Crash“

Interview 5: Bardia Monshi, Mathias Berthold: “Positiv Denken allein hilft auch nicht.”

Interview 6: Nachgefragt: Alexander Greiner (Ein Jahr nach der Buchveröffentlichung

Interview 7: Martina Onyegbula: “Herzasche und Frauenflügel”

Interview 8: Uwe Mauch & Karin Niederhofer:„Wie wir Oldies wischen 😉 Eine Generation lernt Handy“

Interview 9: Katharina Werth: “Nimm mich! Beruflich durchstarten mit einer herausragenden Bewerbung”

Interview 10: Yvonne Lacina-Blaha: “Ich liebe dich.Punkt.Trotz Ausrutscher”

Bildquellen: Raphaela Aigner und Julian Girsch/Café Ausnahmsweise

Du willst keinen Beitrag versäumen? Wir informieren dich gerne, sobald ein neuer Beitrag online ist: Ja, ich will den Blog abonnieren.

Kommentar hinterlassen