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Psychodrama und Schreiben – ein lohnendes Doppel (Sabine Spitzer-Prochazka)

Gastbeitrag
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Auf „Treffpunkt Schreiben“ wollen wir zeigen, wie vielfältig das Thema „Schreiben“ sein kann. Daher sind eine zusätzliche Perspektive, unterschiedliche Erfahrungsschätze und neues Expert*innen-Know-how herzlich willkommen 🙂 ! 

Wir freuen uns, über den Gastbeitrag von Sabine Spitzer-Prochazka, Psychotherapeutin in eigener Praxis und Leiterin des Schreib-Zentrums in Wien.

Wir wünschen viel Freude beim Lesen.  

Wenn ich eine Geschichte schreibe, dann..

  • … versetze ich mich mit allen Sinnen in die Rolle meiner Figuren
  • … stelle ich wichtige Ereignisse im Leben der Protagonist*in anhand einer Timeline dar
  • … schreibe ich mich gerne vorher „warm“

Kommt dir das bekannt vor? Dann setzt du mehr oder weniger bewusst psychodramatische Elemente für deinen Schreibprozess ein. Was es damit auf sich hat und wie du das Psychodrama für dein Schreiben nutzen kannst, liest du in diesem Gastbeitrag. Nach einer theoretischen Einführung erwarten dich einige konkrete Schreibimpulse.

Psychodrama: Gründer & Hintergrund

„Das Verfahren Psychodrama in all seinen Anwendungsfeldern ist die handelnde oder szenische Darstellung des inneren Erlebens einer oder mehrerer Personen sowie deren äußerer Situationen.“

Stadler & Kern, 2010, S.13

Das Psychodrama, genauer gesagt: „Psychodrama, Soziometrie und Rollenspiel“, findet in vielen Bereichen, wie Psychotherapie, Beratung, Pädagogik u. ä. seine Anwendung und ist eng mit seinem Begründer, Jakob Levi Moreno verbunden. Moreno, geboren 1889, studierte Medizin und Philosophie in Wien, emigrierte später in die USA, wo er 1974 starb. Viele seiner Gedanken und Modelle haben Einzug in andere Therapieschulen gefunden, leider ohne, dass die Quelle immer korrekt benannt worden wäre.

 

Speech during the visit in Bad Vöslau, 1969 (© Stadtmuseum Bad Vöslau)

Moreno war ein leidenschaftlicher Literat, er schrieb neben seinen Lehrbüchern auch Gedichte und Essays. Im Café Herrenhof verkehrte er mitten in der Wiener Literaturszene, gemeinsam mit Anton Kuh, Franz Werfel und anderen. Er war Herausgeber des Daimon und der Zeitschrift Die Gefährten, in denen namhafte Schriftsteller seiner Zeit publizierten. 

Zu Morenos Freunden zählte Martin Buber, mit dem er Konzepte der Begegnung diskutierte, während ihn mit Sigmund Freud eine leidenschaftliche Konkurrenz verband. Während dieser seine Patient*innen auf die Couch legte, animierte Moreno sie zum Handeln. In Anlehnung an Theaterexperimente entwickelte er die Als-ob-Realität auf der Spielbühne, die über aktives Probehandeln in unterschiedlichen Rollen zu Veränderung und Heilung führt. 

Wie wichtig ihm bei alldem der Humor war, verrät die Inschrift auf Morenos Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof: „Der Mann, der Freude und Lachen in die Psychiatrie gebracht hat“.

Phasen im kreativen Prozess

Im Psychodrama sprechen wir bei allen kreativen Prozessen von drei wesentlichen Phasen:

  • Die Erwärmungs-,
  • die Spiel- oder Aktionsphase und
  • die Integrationsphase.

✏️ Beim Schreiben handelt es sich um obengenanntes „Warmschreiben“, das warming-up, dazu gehören schon alle Gedanken, die wir uns im Vorfeld zu einer Geschichte machen, alle Überlegungen zu den Figuren, die wir entwickeln wollen. In der Spiel- oder Aktionsphase erreicht die Produktivität ihren Höhepunkt, hier entstehen Texte und Geschichten. 

Spielphase wird sie deshalb genannt, weil das Rollenspiel ein zentrales Element im Psychodrama ist – ebenso kann jedes kreative Erschaffen als Spiel bezeichnet werden. Zur genaueren Bestimmung wurde der Begriff der Aktionsphase hinzugefügt. In der Integrationsphase geht es darum, den Prozess abzuschließen. 

✏️ Beim Schreiben ist das jener Moment, in dem der Text genau gelesen, vielleicht mit anderen geteilt wird, wo Feedback eingeholt und dann verdichtet und überarbeitet wird. Oftmals, wenn der Schreibprozess nicht so recht in Gang kommen will, haben wir das warming-up vernachlässigt.

Deshalb beginnen wir doch gleich gemeinsam mit dieser Erwärmungsphase. Nehmen wir an, wir haben die noch recht vage Idee über Marie zu schreiben, eine liebenswerte Mittvierzigerin, die gerade eine mittelschwere Lebenskrise durchmacht. Die Kinder sind aus dem Haus, die Ehe mit Hannes hat zusehends an Glanz verloren und auch beruflich fehlen die wirklich spannenden Perspektiven.

✏️ Es ist gerade etwas Zeit und wir haben Lust, an unserer Geschichte über Marie zu schreiben – wie wärmen wir uns dafür auf? Beispielsweise mit einem Freewriting, also einem automatischen, absichtslosen Schreiben, bei dem es weniger darum geht, was geschrieben wird, sondern dass geschrieben wird. Wir stellen uns einen Wecker für 10 Minuten, setzen uns gedanklich zu Marie ins Bett und schreiben unbekümmert drauf los, wie Marie ihren Tag beginnt. Damit ist der Anfang geschafft. Möglicherweise übernehmen wir sogar die eine oder andere Szene aus diesem Freewriting später in unsere Geschichte und selbst wenn nicht, sind wir doch unserer Figur ein Stück nähergekommen. Jetzt wollen wir Marie noch weiter kennenlernen.

Rollentheorie

Herzstück des Menschenbilds im Psychodrama ist die Rollentheorie. Moreno erkannte, dass jeder Mensch in unterschiedlichen Rollen agiert und dass diese Rollen immer im Kontext mit dem Sozialen Netz einer Person zu sehen ist.

Rollendiagramm

Für die Entwicklung unserer Marie fertigen wir ein Rollendiagramm für sie an, in dem sichtbar wird, welche Rollen sie in ihrem Leben innehat. Je weiter weg eine Rolle eingezeichnet ist, desto weniger Bedeutung hat sie im Moment der Darstellung:

Abbildung 1: Maries Rollendiagramm

Rollencluster

Nun können wir zu jeder einzelnen Rolle ein Rollencluster bilden. Dies vereint alle Eigenschaften und Werte, die innerhalb einer Rolle zum Tragen kommen und beschreibt, auf welche Weise die Person diese Rolle gestaltet. In ihrer Rolle als Reisende ist Marie zum Beispiel äußerst unternehmungslustig, auch einmal risikobereit, sie schätzt einen gewissen Luxus und genießt, fernab vom Alltag, ihre Unabhängigkeit. Gegenüber fremden Kulturen ist sie aufgeschlossen und neugierig, tolerant, was die Lebensform anderer betrifft.

Auch die Rollencluster können wir grafisch darstellen, nehmen wir zum Beispiel Maries Rolle als Tochter:

Abbildung 2: Rollencluster Marie als Tochter

Nehmen wir an, Maries Eltern sind schon über 80 Jahre alt, der Vater ist aufgrund einer Krebserkrankung pflegebedürftig. Wenn wir nun die beiden Rollencluster vergleichen, sehen wir schnell das Potenzial für einen internen Rollenkonflikt: die Sorge um ihre Eltern schränkt Marie in ihrer Reisefreude sehr ein, weil sie sich nicht zu weit weg zu fliegen traut, um erreichbar zu sein, falls ihre Eltern etwas brauchen.

Die Technik des Rollenwechsels

Aus der Rollentheorie hat sich im Psychodrama die zentrale Technik des Rollenwechsels entwickelt. Das Hineinschlüpfen in eine andere Person ermöglicht einen Perspektivenwechsel und fördert die Empathiefähigkeit enorm. 

✏️ Als Schreibende können wir uns das zunutze machen, um unsere Figuren noch besser kennenzulernen. Wir könnten uns in die Figur Maries hineindenken, und zwar mit allen Sinnen (wie sieht sie aus, wie spricht sie, welche Körperhaltung, welche Mimik hat sie, wie ist ihre Stimmung, usw.) und dann in ihrer Rolle einen Brief an die Mutter verfassen. Ob dieser Brief schließlich Teil der Geschichte wird oder nur im Hintergrund der Figurenentwicklung dient, wird sich im Lauf der Geschichte herauskristallisieren.

Konflikte

Wenn sich zwei Menschen treffen, prallen sie quasi mit ihren Rollenclustern aufeinander. Das kann sehr harmonisch zusammenpassen oder stürmisches Konfliktpotenzial bergen. Wir sprechen dann von externen Rollenkonflikten. Nehmen wir dafür Hannes, Maries Ehemann, der als Techniker sehr faktenorientiert ist, gerne im gemeinsamen Haus werkelt und sich von seinem anstrengenden Job am liebsten im eigenen Garten erholt. In der gemeinsamen Urlaubsplanung könnten nun Maries Rollencluster der Reisenden auf jenes von Hannes als erholungssuchendem Heimwerker treffen – ein Konflikt ist damit vorprogrammiert und wie sie das gemeinsam lösen, könnte eine Szene in unserer Geschichte werden.

Soziometrie

Apropos gemeinsam: Für die Vermessung und Darstellung sozialer Beziehungen hat Moreno die Soziometrie begründet. Ein soziometrisches Arrangement ist die Arbeit mit der Timeline, also die Rückverfolgung von Ereignissen auf einer Zeitachse. Dies kann mittel Seils und Symbolen ebenso dargestellt werden, wie mit einer grafischen Variante. Für unsere Geschichte wollen wir die Beziehungsbiografie von Marie und Hannes genauer anschauen:

Abbildung 3: Timeline von Marie und Hannes

Anhand dieser Timeline können wir besser verstehen, wie die beiden im Konfliktfall miteinander umgehen werden. Sie haben ja schon einige Krisen überstanden – ob es nun endgültig reicht und zur Scheidung führt oder ob sie wieder eine Lösung finden werden, entscheiden wir beim Schreiben der Geschichte. 

✏️ Die Timeline ist ein probates Mittel, die Biografie einer Figur besser fassbar und schlüssiger zu machen. Sie kann über die gesamte Lebensspanne reichen, oder zu einem bestimmten Thema (Beziehungsbiografie, Karriereverlauf,..) angelegt werden, oder aber, wie in unserem Beispiel, zu gemeinsamen Erlebnissen eines Paares, einer Familie oder Gruppe.

Für die Geschichte von Marie und Hannes habe ich sehr einfache und vermutlich auch klischeehafte Beispiele gewählt, um die Techniken vorzustellen. Es lassen sich damit aber auch sehr komplexe Figuren schlüssiger und plastischer gestalten. Probiert es gerne aus!

Selbsterfahrung

Noch ein Tipp: Moreno nannte das Psychodrama diejenige Methode, welche die Seele durch Handeln ergründet. In Ergänzung dessen empfehle ich, die Seele durch Schreiben zu ergründen. Die Rollentheorie eignet sich wunderbar zur Selbsterfahrung und zum Selbstcoaching. Zeichne doch dein eigenes Rollendiagramm und dazu ein oder mehrere Rollencluster. Wo besteht bei dir das Potenzial für innere und äußere Rollenkonflikte? Daran lassen sich einige heilsame Schreibimpulse anknüpfen und besonders das Psychodrama kennt vielfältige Lösungswege – aber das ist eine andere Geschichte 😉

Sabine Spitzer-Prochazka, Jg. 1968, ist Psychotherapeutin in eigener Praxis und Leiterin des Schreib-Zentrums in Wien. In Präsenz- sowie online-Formaten bietet sie rund ums Jahr verschiedenste Schreib-Tage und -Seminare an, dazu Schreib-Reisen ins Südburgenland und nach Grado sowie einen Diplom-Lehrgang für SchreibtrainerInnen in Kooperation mit dem ÖAGG. Sie ist Mitherausgeberin der Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie und ihre aktuellste Buch-Publikation heißt:Stay creative! Noch mehr effektive Tools für Beratung, Supervision, Coaching und Psychotherapie (Stadler, Spitzer-Prochazka, Kress, Kern; 2020, Klett-Cotta: Stuttgart).

Wer die Techniken aus dem Beitrag und noch mehr zur psychodramatischen Figuren- und Plot-Entwicklung selbst ausprobieren möchte, hat im Seminar „Psychodrama für AutorInnen“ kommenden März Gelegenheit dazu -> Information und Anmeldung.

Kennst und/oder verwendest du die vorgestellten Techniken bereits? Wie sind deine Erfahrungen?

Du hast Fragen an Sabine Spitzer-Prochazka? 

Wir freuen uns, über deinen Kommentar 🙂!

Literatur:

  • Fürst, Ottomeyer, Pruckner (2004). Psychodrama-Therapie. Ein Handbuch. Facultas: Wien
  • Kunz Mehlstaub, Stadler (2018). Psychodrama-Therapie. Kohlhammer: Stuttgart
  • Stadler, Kern (2010). Psychodrama. Ein Lehrbuch. VS Springer: Wiesbaden

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Bildquellen: Titelbild, Foto der Autorin, Abbildungen: Sabine Spitzer-Prochazka; Bild Moreno: Stadtmuseum Bad Vöslau; Freewriting-Bild Pixabay

2 Kommentare

  • Psychodrama und Schreiben – eine lohnende Momentaufnahme!

    Als erstes ein Dankeschön an Sabine Spitzer-Prochazka für ihren vergleichenden Einblick in das Verstehen und das Gestalten von Menschen, dann gleich meinen Dank an Sonja & Veronika dafür, dass sie diesen Gastbeitrag aufgenommen haben!

    Bücher lebt von Konflikten. Ja. Aber gibt es Konflikte nur in der Handlung? Nein, sie leben sich auch in Personen aus, nämlich in den Figuren eines Romans, eines Films oder auch “nur” denen einer Kurzgeschichte. Figuren sind dabei noch wichtiger als die Handlung. Hand aufs Herz! Woran erinnerst Du Dich als erstes, wenn Du an Dein zuletzt (gern) gelesenes Buch oder an den zuletzt geschauten (und für gut befundenen!) Film zurückdenkst? An die Handlung – oder nicht doch eher an die Hauptpersonen?

    Der Beitrag von Sabine zeigt nicht in erster Linie, wie eine literarische Figur aussieht. Nein, durch das Verstehen ihrer Stellung, ihrer Rolle im sozialen Umfeld wird ihr Charakter deutlich, wird ihr Verhaltensmuster offenbar. Als Autoren müssen wir beides deutlich herausarbeiten. Nur so erhalten wir einen dreidimensional gezeichneten Protagonisten. Den Antagonisten natürlich auf gleiche Weise und Nebenfiguren bis zu einem gewissen Grad. Und schon erhält unser Werk die Spannung, die wir unseren Lesern wirklich schenken möchten, nämlich nicht nur die aus den Konflikten geborene, die sich aus einer gefährlichen, romantischen oder träumerischen Handlung ergibt. Sondern die Spannung, die aus unserer Identifizierung mit der Figur erwächst. Sabine hat es aufgezeigt: Aus der Figur heraus ergeben sich Intra-Rollenkonflikte, etwa, wenn sie eine Rolle wider Willen annehmen muss, und Inter-Rollenkoflikte, wenn ihre unterschiedlichen Rollen konkurrierende, vielleicht gar sich gegenseitig ausschließende Zielsetzungen bedingen. Und schon fiebert der Leser mit!

    Einen Aspekt habe ich vermisst. Daher auch mein vom Blog abweichender Titel für diesen Kommentar: Die Weiterentwicklung. Wir sprechen von der äußeren Heldenreise, wenn wir uns auf die Handlung beziehen, die gefährlichen Aufgaben, die unsere Helden zu bestehen haben oder die romatisch bedingte Frage: Kriegt sie ihn am Ende oder kriegt sie ihn nicht? Was aber ist mit der inneren Heldenreise, deren Begriff viele gar nicht kennen? Die Entwicklung der Figur, ihres eigenen Charakters? Bleibt das verzagte Mauerblümchen, das zu Beginn in meinen Roman hineinstolpert, letztendlich die graue Maus oder reift es heran zur selbstbewussten Frau, zur Heldin, zur Kriegerin mit dem Wunsch nach neuen Abenteuern? Und mein strahlender Held, zeigt er sich im Verlauf der Handlung nicht doch abenteuermüde? Sabines Studie, die ich “Momentaufnahme” genannt habe, muss ich im Plotverlauf öfter anstellen, damit mein Figuren “lebendig” bleiben, realitätsnah und plausibel. Mehr als die halbe Miete für ein gutes Buch!

    Beste Grüße
    Michael Kothe, Autor

    • Hallo Michael,

      wir freuen uns über deine Rückmeldung zu Sabines Gastbeitrag zum Thema “Psychodrama und Schreiben” und v.a. darüber, dass du dich intensiv mit dem Inhalt beschäftigt hast.
      Danke für deine Wertschätzung, deine Ergänzungen und den modifizierten Titel – “eine lohnende Momentaufnahme”!

      Die “Weiterentwicklung” einer Figur, insbesondere die innere Heldenreise wird von Autor*innen leider oft vernachlässigt. Deine Empfehlung, “Sabines Studie, im Plotverlauf öfter anzustellen, damit die Figuren “lebendig” bleiben, realitätsnah und plausibel” ist eine gute Möglichkeit dem entgegenzuwirken.

      Wir wünschen dir viel Freude und Erfolg mit deinen Schreibprojekten.

      Herzliche Grüße,
      Sonja

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