Kreatives Schreiben

Lyrik ist stark! | Diana Hillebrand

Geschrieben von Gastbeitrag

Auf „Treffpunkt Schreiben“ wollen wir zeigen, wie vielfältig das Thema „Schreiben“ sein kann. Daher sind eine zusätzliche Perspektive, unterschiedliche Erfahrungsschätze und neues Expert*innen-Know-how herzlich willkommen 🙂

Wir freuen uns, über den Gastbeitrag von Diana Hillebrand, Autorin und Dozentin für Kreatives Schreiben.

Viel Freude beim Lesen!

Manche meiner Kursteilnehmer wundern sich zuweilen, weil ich so für die Lyrik schwärme. Doch wer mich ein bisschen besser kennt oder schon einen meiner Lyrik-Workshops besucht hat, weiß, dass die Poesie schon lange eine wichtige Rolle in meinem Leben spielt. Der Grund ist einfach:

Die Lyrik ist die Wiege meines Schreibens!

In meiner Kindheit, als Jugendliche und junge Erwachsene habe ich fast ausschließlich Lyrik geschrieben. Zahlreiche gefüllte Notizbücher zeugen davon. Ich schrieb über meine Gefühle, monotone Ferienjobs, Lebenslinien, den Mond und mehr als einmal beendete ich eine große Liebe mit einem Endgedicht. Die lyrische Sprache erlaubte es mir, mich über meinen zuweilen cholerischen Vater auszulassen, ohne dass er es „übersetzen“ konnte. So war die Poesie auch eine Art „Geheimsprache“ für mich.

Anfangs schrieb ich nur in Reimen, mit der Zeit wurde meine Sprache freier und ich fand die Melodie eines Textes auch ohne einem strengen Reimschema zu folgen. Jedoch hat beides seine Berechtigung und seinen ganz eigenen Reiz. Und auch wenn die Lyrik in meinen Veröffentlichungen heute kaum eine Rolle spielt, ist sie ein sehr wichtiger Teil meines Lebens und Schreibens geblieben. Die Kraft der verdichteten Sprache schleicht sich immer wieder in meine Sätze, egal an welchem Buch ich gerade arbeite.

Die Lyrik hat mich gelehrt, meinem Text zu vertrauen, ohne etwas zu erklären.

Schließlich erwartet niemand, dass einem ein Gedicht erklärt wird. (Die Schulzeit lassen wir jetzt mal außen vor.) Die Poesie wirkt aus sich heraus und jeder wird darin etwas anderes finden, ein Sich-Selbst-Erkennen, eine Erklärung, ein Gefühl oder eine Richtungsweisung. Mich berührt immer wieder zutiefst, was Sprache an dieser Stelle vermag.

 

Ein Gedicht

erkennen wir

daran

es ist

wie es ist.

 

Man sieht, allein schon die Art der Schreibweise und der Präsentation lässt die Leser auf einen Schlag erkennen: Aha! Hier kommt ein Gedicht! Sofort wird es anders gelesen und wahrgenommen. Hier wird das Gewicht auf jedes einzelne Wort gelegt. Ja! Wir alle lesen Gedichte deshalb sofort anders als andere Texte, die Worte nehmen irgendeine andere Abzweigung in unserem Gehirn und so können wir auf einer neuen Ebene lesen. Ich finde das großartig!

Man kann damit spielen und beispielsweise auch Text und Bild kombinieren, so dass sie eine einzigartige und kraftvolle Symbiose eingehen. Oft bedarf es dazu nur weniger Worte:

Dieses Bild vermittelt ein Gefühl und man muss es nicht erklären.

Die schönen Dinge der Sprache, Metaphern, Melodien, Witz und die Kunst des Auslassens – all das zeigt uns die Lyrik auf so prägnante Weise.
Das ist überaus nützlich bei allen Arten des Schreibens.

Leider gibt es doch bei einigen Autor*innen eine gewisse Hemmschwelle, wenn es um Lyrik geht. Das habe ich in den Anfangsjahren meines Lyrik-Workshops zu spüren bekommen. Viele dachten, sie müssten schreiben wie Goethe, Wilhelm Busch oder Rilke und das machte ihnen Angst. Ich habe es mir in den letzten Jahren zur Aufgabe gemacht, diese Angst in Begeisterung zu verwandeln, und inzwischen sind meine Lyrik-Workshops für manche ein geliebtes, wiederkehrendes, jährliches Ritual. Dann schmeißen wir uns mit Karacho in die vollen, tiefen und satten Töne der Sprache. Natürlich Stück für Stück und so dass man sich daran gewöhnen kann.

„Lyrik schreiben“ heißt für mich auch „Lyrik lesen“.

Neben den bekannten Werken von Rilke, Domin, Hesse, Bachmann, Lasker-Schüler, Brecht, Mayröcker oder Jandl und vielen anderen gibt es ganz wunderbare zeitgenössische Lyriker*innen. Deshalb habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, jedes Jahr mehrere neue Lyrikbände zu kaufen. Im Lyrik-Workshop lege ich sie dann aus wie ein Buffet und stelle mir vor, es sind saftige Leckerbissen für meine Teilnehmer*innen. Es lohnt sich doch immer, auch mal was Neues zu probieren, oder?

Doch daran hakt es. Wie oft werde ich gefragt, warum ich keine Lyrik veröffentliche oder warum die Verlage so wenig neue Lyrikbände auf den Markt bringen.

Die Antwort ist einfach: Wir sind schuld!

Würde jeder von uns regelmäßig einen Lyrikband eines zeitgenössischen Lyrikers oder einer Lyrikerin kaufen, würden die Verlage mit Freude solche Bücher verlegen.

Doch das ist nicht der Fall und so ist ein noch so schöner Lyrikband viel zu oft ein Verlustgeschäft für Verlage und man kann nur froh darüber sein, dass sie es trotzdem machen.

Dabei gehört die Poesie für viele von uns selbstverständlich zu unserem Leben. Dazu abschließend noch eine persönliche Anekdote: Mein Schwiegervater, der leider viel zu früh verstorben ist, trug – ohne unser Wissen – jahrelang ein Gedicht von Heinrich Heine in seiner Tasche mit sich herum. Es handelt sich um den Prolog aus „der Harzreise“ von Heine. Sein Blick von oben hinab auf die Welt ist ein Abschiednehmen und doch für uns persönlich auch das Versprechen uns im Auge zu behalten.

Als er verstorben war, haben wir das zerknitterte Papier glattgestrichen, gerahmt und es gut sichtbar aufgehängt. Denn Heines Worte atmen das Leben meines Schwiegervaters, der als Hochtourenbergführer auf vielen Bergen glücklich war. Sein Gedicht ist immer noch wie eine Umarmung für uns.

Vielleicht habt ihr auch ein Gedicht, das Euch viel bedeutet?
Dann gebt ihm doch einen schönen Rahmen oder Platz, an dem ihr es immer wieder lesen könnt.

Zum Schluss hoffe ich, dass ich Euch mit meinem Beitrag auch ein wenig umarmen und lyrisch aufwärmen konnte.

Eure Diana Hillebrand

PS: Ich würde mich sehr freuen, wenn ich Euch in meinem nächsten Lyrik-Workshop im September in Wien begegnen darf. Ich freue mich schon sehr auf Wien im Herbst.

Bis dahin dichtet gut!

 

Die hauptberufliche Autorin und Dozentin Diana Hillebrand (geb. 1971) lebt mit ihrer Familie in ihrer Wahlheimat München.

Seit 2006 gibt sie in der WortWerkstatt SCHREIB&WEISE und für Verlage fortlaufend Kurse zum Thema „Kreatives Schreiben“ und unterstützt angehende und erfahrene Autor*innen bei ihren Buchprojekten. Außerdem tritt sie regelmäßig als Dozentin auf der Autorenrunde der Leipziger Buchmesse auf.

Mit dem Literaturkritiker, Wolfgang Tischer, veröffentlicht Diana Hillebrand seit 2021 Schreibzeug – Den Podcast für alle die schreiben – oder auch nicht!

Sie ist aktives Mitglied der renommierten „Autorenvereinigungen Montségur“ und des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS).

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Bildquelle: Canva

2 Kommentare

  • Tausend Dank für den bereichernden und inspirierenden Beitrag!

    Auch ich begeistere mich immer mehr für Lyrik, je älter ich werde. Letztes Jahr habe ich im Rahmen einen wöchentlichen Reimcontests der Textgemeinschaft von Carola Käpernick 52 Gedichte geschrieben. Es waren jeweils drei Wörter vorgegeben, die ins Gedicht aufgenommen werden mussten, und es hat mir einen unglaublichen Spaß gemacht.

    Vor ein paar Wochen habe ich beim Aufräumen einen alten Terminkalender gefunden, in den ich auf den letzten Seiten zwei Gedichte von Hermann Hesse geschrieben hatte. Es handelt sich um ‘Stufen’ und ‘Welkes Blatt’. Ich konnte nicht gar nicht daran erinnern, diese Gedichte abgeschrieben zu haben, weiß auch nicht mehr, wo ich auf sie gestoßen war, aber bin seither glücklich über meine Wiederentdeckung und bewahre meinen Schatz bei dem Sessel auf, in dem ich jeden Abend sitze und lese.

    • Liebe Karen,

      herzlichen Dank für deine Rückmeldung.
      Wir freuen uns sehr, über deine Begeisterung für Lyrik.
      Der Reimcontest klingt nach einer inspirierenden Möglichkeit regelmäßig Gedichte zu verfassen.
      Deine Schilderung über die Wiederentdeckung von Hermann Hesses Gedichten ist ein berührendes Beispiel für die positive Wirkung von Worten.
      Wir wünschen dir viel Freude mit diesem Schatz!

      Alles Liebe
      Sonja

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