Das Wort „Pädagogik“ klingt für viele Menschen unangenehm, weil es irgendwie mit negativen Erinnerungen an die Schule besetzt ist – und gerade das ist Schreibpädagogik nicht. Schreibpädagogik ist nicht Schule und ist nicht negativ.
INHALT
Definition Begriff Schreibpädagogik
Provokant könnte man sagen, Schreibpädagogik ist dem Schreiben, wie man es in der Schule lehrt/lernt, diametral entgegengesetzt. Es geht nicht um das Wörter- und Fehlerzählen und auch nicht um Effizienz oder Output.
Schreibpädagogik bedeutet vielmehr kreatives Schreiben, ein lustvolles, zielloses Schreiben. Das Schreiben ist nicht auf ein Ziel gerichtet (es geht nicht um die Herausgabe eines Buches), sondern es geht darum, dass du dich beim Schreiben am kreativen Spiel erfreuen und gerade in diesem Spiel Neues entdecken kannst.
Die Sprache zerpflücken und neu zusammensetzen
Im Zentrum steht die Sprache: Schreibend werden Ich, Welt und Sprache reflektiert. Der Text ist Selbstausdruck und fungiert als Kontaktfläche in der Schreibgruppe. Schreibpädagogik ist eine lustvolle Auseinandersetzung mit der Sprache, mit dem Zerpflücken der Sprache und diese wieder neu zusammen zu setzen. Das Denken darf kreativ mäandern. Die Sprache wird als Material verwendet, losgelöst von Inhalten: Die Sprachexperimente führen immer wieder zur Auflösung der Grenzen zu anderen Künsten wie beispielsweise bei der visuellen Poesie oder den Lautgedichten). Schreibpädagogisches Arbeiten und Schreiben generiert Selbsterfahrung beziehungsweise Persönlichkeitsentwicklung.
Schreibpädagogik richtet sich an alle, die ihre Beziehung zum Schreiben verbessern möchten. Dies umfasst Schreibanfänger, die die Freude am kreativen Ausdruck entdecken wollen, ebenso wie Berufstätige, die ihre schriftliche Kommunikation in E-Mails, Berichten oder Präsentationen optimieren müssen. Auch Schüler, Studierende und Wissenschaftler profitieren stark von ihr, um ihre akademische und wissenschaftliche Schreibkompetenz zu stärken.
Schreibpädagogik für Übergangsphasen
Über die rein pragmatische Anwendung hinaus ist Schreibpädagogik wichtig für Menschen in persönlichen Übergangsphasen oder Senior:innen, die das Schreiben zur Selbstreflexion oder für die Biografiearbeit nutzen möchten, um Gedanken zu ordnen und Erfahrungen zu verarbeiten. Nicht zuletzt ist sie essenziell für Multiplikatoren wie Lehrer:innen, Pädagog:innen, Coaches, Berater:innen und Therapeut:innen, die das kreative und reflektierende Schreiben als Methode in ihre Arbeit integrieren und Schreibgruppen leiten möchten … und für Autor:innen, die neben ihrer literarischen Arbeit gerne mit Menschen arbeiten und Workshops anbieten möchten.
Abgrenzung zu Schreibberatung/Schreibcoaching
Mit Schreibberatung oder Schreibcoaching hat Schreibpädagogik nur am Rande zu tun. Natürlich können Schreibpädagog:innen in Einzelfällen bei Schreibkrisen oder Schreibblockaden unterstützen. Doch das Hauptaugenmerk liegt auf einem Anleiten zu deiner persönlichen Lernerfahrung – quasi Hilfe zur Selbsthilfe.
TIPP:
Lehrgang “Schreibpädagogik”
Der nächste Lehrgang “Schreibpädagogik” des Berufsverbandes Österreichischer Schreibpädagog:innen BÖS beginnt am 20. März 2026. Es gibt ihn in zwei Varianten. Das Basispaket umfasst sieben Module und zehn, frei wählbare Schreibworkshops, die innerhalb von 24 Monaten zu absolvieren sind. Das Gesamtpaket enthält zusätzlich noch zwei praxisorientierte Labore, in denen die Teilnehmenden unter Begleitung ihre ersten Schreibworkshop-Erfahrungen als Gruppenleitung machen.
Literaturempfehlungen zur Vertiefung
- Erika Kronabitter / Anja Benning / Louise Kienzl (Hrsg.): Schreibpädagogik. Eine Einführung*, Weinheim: Beltz Juventa 2026
- Tilman von Brand (Hrsg.): Literarisches Schreiben als kulturelle Praxis*, Hannover: Friedrich 2023
- Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung.* Berlin: Suhrkamp Verlag, 2016
- Anna Platsch: Schreiben als Weg.* Bielefeld: Theseus Verlag, 2009
- Theresia Prammer: Übersetzen Überschreiben Einverleiben. Wien: Klever Verlag 2009
- Gabriele Rico: Garantiert Schreiben lernen*. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 1996
Über die Gastautorin:
Erika Kronabitter, Vizepräsidentin und Dozentin des BÖS, leitet gemeinsam mit Cornelia Stahl den Lehrgang Schreibpädagogik. Zuständig für Vernetzung & Kooperationen (Westösterreich),
unterrichtet in verschiedenen Modulen des Lehrganges, des weiteren Autobiographisches Schreiben, Schreiben als Ressource, Schreiben mit Senior:innen, Epik und Essay.
* 1959, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft /Germanistik/Kunstgeschichte in Innsbruck. Ausbildung zur Gestaltpädagogin, Curriculum für Supervision, Coaching und Persönlichkeitsentwicklung (Milton Erickson Institut Innsbruck). Lebt und arbeitet in Vorarlberg und Wien.
Als Schriftstellerin und Künstlerin bietet sie verschiedene Workshops für Kinder, Jugendliche und Erwachsene an und ist seit vielen Jahren in Belangen der Autor:innenvernetzung tätig.
Veröffentlichungen, u.a.
- „La Laguna“, Roman, Verlag Wortreich, 2016.
- “Franz und der Regenschirm“, Kinderbuch, Edition Art Science, 2017.
- Zuletzt: „Delfine vor Venedig“, Lyrik, 2024, Melos Verlag. Übersetzungen ihrer Bücher ins Spanische und Italienische.
Sie erhielt mehrere Preise, u.a. 1. Prosa-Preis Brixen Hall, Theodor Körner Preis, Preis der Sozial Marie.
Herausgeberin der „Lyrik der Gegenwart“, Edition Art Science und der Podiumporträts.
Organisiert seit 2003 den Feldkircher Lyrikpreis, hat den Literaturbahnhof Feldkirch konzipiert.
Mehr Infos: www.kronabitter.com

