Kreatives Schreiben

Was ist ein Cliffhanger?

Geschrieben von Sonja

Wer oder was ist ein Cliffhanger?

Ein amerikanischer Actionfilm* mit Sylvester Stallone in der Hauptrolle?

Stimmt.

Jemand, der an einer Felswand hängt?

Auch richtig, denn lt. Duden leitet sich das Wort so ab: cliff = Felswand, Kliff und hanger = jemand, der (irgendwo) hängt

Schreibende bezeichnen als Cliffhanger ein

große Spannung hervorrufendes dramatisches Ereignis
am Ende einer Folge einer Rundfunk-, Film- oder Fernsehserie oder
eines Buchkapitels,
das die Neugier auf die Fortsetzung wecken soll.

Cliffhanger in Serien

Lass mich diese Definition mit einem Beispiel veranschaulichen:

Ein kalter Wintertag, ich sitze vor dem TV-Bildschirm und schaue die 23. und letzte Folge der 2. Staffel von “The Good Wife”*:

Will Gardner und Alicia Florrick arbeiten gemeinsam in einer Anwaltskanzlei. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen. Alicia ist mit einem Oberstaatsanwalt verheiratet, der sie betrügt, Will ist ihre große Liebe aus Studienzeiten, Partner in der Kanzlei und ihr Chef.

Nach einem gewonnenen Fall sitzen die beiden an der Bar und stoßen mit mehreren Drinks auf ihren Erfolg an:

Will: “Wir hatten immer ein schlechtes Timing. Stell dir vor wir hätten irgendwann ein gutes Timing. Nur für eine Stunde. Wie würde das sein?”

Alicia zögernd, “Ich denke, das wäre sicher ein außergewöhnlicher Moment.”

Nächste Szene, an einer Rezeption:

Das Hotel ist wegen eines Kongresses ausgebucht, also mieten sie die einzig freie Präsidentensuite, für 1.500 USD die Nacht. Will und Alicia nehmen den Fahrstuhl.

Die Aufzugstür öffnet sich und schließt wieder. Der Lift fährt in den nächsten Stock. Die Szene wiederholt sich 3x.

Alicia: “Will?”

Die Tür-Szene wiederholt sich.

Alicia: “Vielleicht?”

Stehe ich jetzt auf, stoppe die Folge und schaue irgendwann mal weiter?

Nein, ich bleibe dran, habe es 44 Folgen lang getan 😎.

Die Tür öffnet und schließt sich noch mal.

Ich werde ärgerlich, bleibe aber gespannt dran.

Will ergreift Alicias Hand, die beiden küssen sich.

Die Türszene wiederholt sich.

Sie kommen näher und die Türszene wiederholt sich noch 2x.

Endlich erreichen Will und Alicia die oberste Etage, stehen vor der Suite.

Will versucht, die Tür zu öffnen. Die Schlüsselkarte funktioniert nicht.

Will: “Ach komm schon  – bitte eine Stunde – mehr wollen wir gar nicht.”

Cut!

Echt jetzt?

Das soll das Ende der Staffel sein?

Nein, ist es nicht.

Will ich wissen, wie es weiter geht?

Klar!

Du auch?

Bin ich ein Serien-Junkie? Nein! Ich sehe Serien selten. Das Autorenteam von “The Good Wife”* schafft es, Spannung aufzubauen, mich in die Geschichte hineinzuziehen, mich vor dem TV-Gerät zu halten. Folge für Folge, auch mit Cliffhangern.

Übertreiben sie es mit der achtmaligen Wiederholung der Türszene? Vielleicht.

In “The Writers’ Room” spricht das Autorenpaar Robert und Michelle King über die Entstehung der Serie.

Kleiner Tipp: Am Ende des Beitrags zeige ich dir die Szene inkl. Auflösung, was passiert 😉.

Cliffhanger in Büchern

Cliffhanger, also eine Handlung, die an ihrem Höhepunkt endet, lässt den/die Leser*in mit vielen offenen Fragen zurück. Macht neugierig, verführt zum Weiterlesen bis spät in die Nacht.

Ich habe einige Beispiele aus Büchern, die ich gelesen und kaum aus der Hand legen konnte, herausgesucht:

Kategorie Krimi/Thriller

  • “Doch Mikael hatte weder Armanskij, noch seiner Schwester die ganze Wahrheit erzählt. Noch gab es Geheimnisse, die er nur mit Lisbeth Salander teilte. Er schüttelte Armanskij die Hand.” (Stieg Larsson: Vergebung, 2007, S. 249)
  • “Scheißegal, dachte Brigitte Beherens, und als sie sich auf ihren Platz setzte, merkte sie im selben Moment zwei Dinge. Die Musik war verstummt, und jemand war hinzugekommen und hatte sich auf den sechsten Stuhl am Tisch gesetzt.” (Hakan Nesser: Der Verein der Linkshänder*, 2018, S. 303)
  • “Ein weiteres Mosaiksteinchen manifestierte sich im Kopf des Inspektors. Warum machte sich jemand die Mühe, ein Urlaubsfoto zu fälschen? Und dann war da noch die Sache mit dem Gürtel.” (Thomas Stipsits: Uhudler Verschwörung, 2020, S. 110)
  • ” ‘Warum hätte sie das denn tun sollen?’ ‘Wie meinst du das?’, fragte Sophie. ‘Oh mein Gott’, sagte Friedericke. ‘Du wusstest es nicht?'” (Melanie Raabe: Die Falle, 2016, S. 112)
  • ” ‘Drei!’, flüstert sie. Und besser könnte diese Ziffer nicht passen. Drei Leichen, Walter, Bertram und Albin. Alle für einen Sarg. Glaubt sie zumindest, die alte Huber.” (Thomas Raab: Walter muss weg, 2020, S. 297)
  • “‘Und wer ist sie dann?’, fuhr Steiner so laut dazwischen, dass Toni zusammenzuckte. Seine Frage klang wie eine Drohung. Paul Herz kam einen Schritt auf Toni zu. ‘Das wüsste ich auch gern.'” (Theresa Prammer: Lockvogel, 2021, S. 256)
  • “Die nächsten drei Stunden und Flaschen verbringen wir mit den Resten der Aufklärung unseres Falls. Und plötzlich ist alles ganz einfach.” (Rita Falk: Sauerkrautkoma, 2013, S. 208)

Kategorie Roman

  • ” ‘Ich mach dir einen Vorschlag, Vera. Du erfährst die ganze Wahrheit. Danach entscheiden wir gemeinsam, welchen Teil aus unserer Familienbiografie wir weglassen’, sagte Marianne, obwohl sie das alles bereits festgelegt hatte. Vera runzelte die Stirn. ‘Wart einmal … Was heißt, die ganze Wahrheit? Welche Wahrheit?’ ” (Beate Maxian: Die Frau im hellblauen Kleid*, 2017, S. 55)
  • “Und bevor ich etwas darauf erwidern konnte, betrat er das Teehaus und schob die Tür hinter sich zu.” (Arthur Golden: Die Geisha, 1997, S. 439)
  • “Er liebte ihren Geruch, liebte es sie zu berühren,mit Laura war fast alles perfekt. Bis auf die Lüge. Oder wegen der Lüge?” (Vea Kaiser: Makarionissi, 2015, S. 412)
  • “Als der Wagen langsamer wurde, knirschte der Kies unter den Reifen. Jetzt entdeckten sie vor der Haustür eine Frau, die mit grimmig vor der Brust verschränkten Armen dastand. Mrs. MacGlone.” (Jenny Colgan: Wo dich das Leben anlächelt, 2020, S. 92)

Kategorie Ratgeber

  • ” ‘Mit Affen habe ich keine Erfahrung, aber habe ich dir eigentlich schon erzählt, dass die Angst vor Hunden die erste Angst war, die mir Kahinaths Mantra nahm?’ Scarlett hebt eine Augenbraue.” (Helge Timmerberg: Das Mantra gegen die Angst*, 2019, S.45)

Cliffhanger eignen sich auch für Business-/Webtexte:

Michael Christl hat dazu einen interessanten Blogbeitrag verfasst: Wie du kleine Cliffhanger in deine Texte einbaust.

Hast du schon mal daran gedacht, einen Cliffhanger in einem Bewerbungsschreiben zu verwenden und dich so von der Masse abzuheben? 

 

Verwendest du Cliffhanger in deinen Texten?

Kennst du spannende Cliffhanger, teilst du sie mit uns?

Schreib uns einen Kommentar, wir würden uns freuen.

Erinnerst du dich an die Liftszene?
Hier kannst du sie dir ansehen 😉. Viel Spaß!

Bildquelle: Canva Treffpunkt Schreiben

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4 Kommentare

    • Hallo Karen!
      Herzlichen Dank für dein Feedback. Wir freuen uns, dass wir dich mit dem Cliffhanger-Beitrag inspirieren konnten.
      Viel Spaß beim Cliffhanger in Büchern/Filmen entdecken und beim Schreiben.
      Alles Liebe
      Sonja

  • Hallo, Sonja,
    danke für die gelungenen Ratschläge und Beispiele! Ja, Cliffhanger einzubauen, bedarf einer kreativen Anleitung und einer wohlüberlegten Umsetzung. Selten gelingen sie spontan. Bei meinem ersten Roman (epische Fantasy) war ich zu sehr darauf bedacht, zwar nicht jede Szene, aber jedes Kapitel harmonisch ausklingen zu lassen. Eine gründliche Überarbeitung war nötig, um Cliffhanger überhaupt zu konstruieren – so, dass sie durch Spannung neugierig machen, aber eben nicht konstruiert aussehen. Hilfreich ist dabei eine komplexe Handlung, und wenn die in der Geschichte eher linear ist, kann ein Perspektivwechsel helfen. Bei meinem zweiten Roman (Krimi) habe ich von Anfang an darauf geachtet. Übrigens danke für den Link zum Cliffhanger in Bewerbungen! Bewerben muss ich mich nicht, aber der Tipp ist ein anschauliches Beispiel für andere Anwendungsbereiche: Neugier erzeugen auf der eigenen Homepage, bei Posts auf Facebook oder Instagram, um Besucher oder Follower zu binden. Obwohl der Cliffhanger – ohne dort so genannt zu werden – allen Leserinnen und Lesern und deshalb erst recht jedem Buchautor geläufig sein sollte, erkennen ihn wohl die wenigsten: Im Klappentext beinahe jeden Buches. Nicht umsonst wird dem potentiellen Leser mit einem spannungsträchtigen Aufhänger der Mund wässrig gemacht, um ihn dann mit den berühmten drei Punkten am Ende allein zu lassen. So ist der Anreiz zum Weiterlesen gegeben. Also warum nicht auch mitten im Buchtext am Schluss einer Szene oder eines Kapitels?
    Viele Grüße
    Michael Kothe, Autor

    • Hallo Michael,

      herzlichen Dank für dein Feedback zum “Cliffhanger-Beitrag”.

      Ich kann deine Ausführungen gut nachvollziehen und erlebe das bewusste Einsetzen eines Cliffhangers immer wieder als Herausforderung.
      Von Beginn an Cliffhanger quasi “mitzudenken” hilft dabei – wie ich finde – ungemein.

      Es freut mich, dass du den Link zum Bewerbungs-Cliffhanger als anschauliches Beispiel siehst, denn ich habe überlegt, ob ich ihn in dem Beitrag einbauen soll oder nicht, da es doch ein Beispiel für einen komplett anderen Anwendungsbereich ist 😉 .

      Ich wünsche dir viel Freude und Erfolg bei deinen Romanprojekten!

      Alles Liebe
      Sonja

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