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„Weil die Stimme, die akustische Visitenkarte einer Autorin ist …“ – Interview mit der Stimmtrainerin Dagmar Kutzenberger

Sonja
Geschrieben von Sonja

Nach dem Gespräch mit der Ghostwriterin, Dolores Omann setzen wir die Interviewreihe “Blick hinter die Kulissen” fort und beschäftigen uns mit dem Thema “Stimme & Vorlesen”:

Hast du schon mal in einer Schreibgruppe einen Rohtext vorgelesen? Warst du nervös? Wie hat deine Stimme geklungen?

Ich erinnere mich noch gut an meine erste Lesung beim Schreibwettbewerb “Tatort Grätzl”, im Café Korb bei der Kriminacht. Das Publikum durfte die Gewinnertexte mitauswählen. Die Präsentation der Kurzgeschichte spielte für die Entscheidung eine wichtige Rolle. Ich war aufgeregt, und das konnte man meiner Stimme anhören 😉

"Der Klang der Stimme prägt die Wirkung der Worte."

Dagmar Kutzenberger

Tipps von der Stimmtrainerin, Moderatorin und Schauspielerin, Dagmar Kutzenberger, wären hilfreich gewesen ;-).

Wir haben mit Dagmar u. a. über folgende Themen gesprochen:

  • Ihre eigene Buch-Schreiberfahrung.
  • Weshalb es für AutorInnen sinnvoll ist, sich mit der eigenen Stimme zu beschäftigen.
  • Inhalte und Ablauf eines Stimmtrainings 
  • Den Umgang mit Nervosität vor der ersten Lesung. 
  • Worauf man beim Vorlesen von Dialogen achten soll. 
  • Besonderheiten von Online-Lesungen
  • Wie sie sich als Schauspielerin in Rollen einarbeitet und was davon SchreiberInnen bei der Figurenentwicklung helfen kann.  

Vorstellung:

Mich beim Vorstellen kurzzufassen ist nicht einfach, …

Ich habe meine Leidenschaft, das Sprechen zum Beruf gemacht. Erst als Schauspielerin am Theater und in Film & TV. Später als Moderatorin im Radio & TV, als Profisprecherin für Radiosender, Werbung, Telefonwarteschleifen oder Voice Over bei Dokumentationen oder Firmenvideos. 

Als Trainerin und Coach liegen meine Schwerpunkte im Bereich Stimme, Sprechweise und Körpersprache, ich coache Moderator*innen, halte Firmenseminare, Workshops oder Einzeltrainings. 

Nach meiner Ausbildung als Mentaltrainerin habe ich mich zusätzlich auf Redeangstbewältigung spezialisiert, weil es so viele Menschen gibt, die präsentieren müssen, aber dabei unter ihrer Nervosität leiden. Ich helfe ihnen, sich bei Redesituationen wohlzufühlen und ihre Sprechfreude zu entdecken.

1. Du hast 2014 das Trainingsbuch „ON-AIR-sprechen & interpretieren“ veröffentlicht. Wie ist dein Bezug/Zugang zum Schreiben?

Mein Trainingsbuch war ein Schreib-Erstversuch und hat mich viele schlaflose Nächte gekostet! Ich war mit den Sprechtechnikbüchern unzufrieden, weil darin keine Übungen für speziell österreichische Eigenheiten in der Aussprache zu finden waren. Also hab ich eben mein eigenes Trainingsbuch verfasst, mit dem ich immer noch sehr gerne arbeite. Das disziplinierte Schreiben war anfangs sehr ungewohnt für mich, denn ich war langes Stillsitzen nicht gewohnt. Aber nachdem ich eine zeitliche Routine gefunden hatte, ging es etwas leichter.

2. Hast du dir für das Schreiben des Buches Unterstützung geholt, z. B. in einem Schreibworkshop oder ein Lektorat?

Schreibworkshops habe ich erst danach besucht (es soll irgendwann ein Essayband das Licht der Bücherwelt erblicken). Für das Trainingsbuch war ein professionelles Korrektorat ausreichend und sehr hilfreich. Weiters habe ich Kolleginnen um Unterstützung beim Korrekturlesen gebeten.

3. Wie unterstützt du Autor*innen bei der Vorbereitung, Gestaltung und Durchführung von Lesungen bzw. Buchpräsentationen? 

Es gibt mehrere Bereiche, in denen ich Unterstützung anbiete:

  • Sprechtechnik: für eine klare Aussprache für bessere Verständlichkeit
  • Atemtechnik: damit das Lesen nicht zu anstrengend oder die Stimme heiser wird
  • Stimmbildung: viele Damen sprechen oft in einer zu hohen Stimmlage, vor allem wenn sie nervös werden, steigt die Stimme mit dem höheren Sprechtempo an
  • Stimmstärke und Volumen: für alle, die sehr leise sprechen
  • Hilfe beim Umgang mit dem Mikro
  • Mentaltricks zum Überwinden von Lampenfieber und natürlich
  • Interpretationstechniken: Betonung, Arbeit mit dem Text

4. Warum sollte man als Autor*in ein Stimm- / Sprechtraining machen?

"Weil die Stimme die akustische Visitenkarte einer Autorin ist und das Buch verkaufen hilft!"

Dagmar Kutzenberger

5. Wie läuft ein Stimmtraining ab?

Als Erstes mache ich einen Sprech-Check, damit ich mir einen Eindruck von den persönlichen Eigenheiten verschaffen kann. Wie etwa: Stimmlage, Stimmstärke, Spannung, Klang, Artikulation, Betonungseigenheiten, etc. Dann erstelle ich einen persönlichen Trainingsplan, der meist mit Atemtechnik und Übungen für eine kräftige, volltönende Stimme in der Indifferenzlage (natürlicher Ton) beginnt.

Ich setze dabei sehr viele Körperübungen ein, manchmal sieht man dabei etwas dämlich aus, aber daran gewöhnen sich die meisten Klient*innen schon in der ersten Einheit. Mir ist Humor, Spaß und Freude im Training sehr wichtig. Je leichter und lockerer die Atmosphäre, desto besser der Trainingserfolg. Ich möchte die Teilnehmer*innen neugierig machen, ihre Stimme zu entdecken. Oft  sind sie dann überrascht, was alles in ihnen steckt und wie gezielt sie ihre Stimme einsetzen können. Nicht nur bei Lesungen, sondern auch generell beruflich und privat.

6. Vor der ersten Lesung: Was soll eine Autor*in tun, was unbedingt vermeiden?

Ich empfehle allen Stimmübungen zum Aufwärmen wie etwa beim Sport. Wer seine Muskeln trainiert und aufwärmt, wird erfolgreicher sein. Jede*r sollte die Texte vorab laut lesen und dabei aufnehmen. Die eigene Stimme zu hören irritiert viele, je öfter man aber seine Stimme hört, umso mehr gewöhnt man sich dran. Mit einer Aufnahme kann jede*r gut erkennen, ob die Sprechweise undeutlich, zu schnell, zu leise, etc. ist.

Vor einer Lesung sollte man keinen Kaffee trinken, der trocknet aus und man schmatzt dann. Keine Nüsse essen (Hustgefahr) oder Süßes (schmatzen).

7. Ich finde es immer schwierig beim Vorlesen die Geschwindigkeit zu „halten“. Meist starte ich zu schnell, pendle mich dann ein, werde aber zum Schluss hin wieder schneller. Auch bei erhöhter Aufregung steigere ich mein Lese-/Redetempo. Gibt es einen Trick, der hilft eine passende Geschwindigkeit beizubehalten?

Für den Beginn gilt es, gut vorbereitet zu sein. Den Anfang immer mehrmals üben, damit man ihn bei Nervosität besser im Griff hat. In der Mitte ist man meist im Flow. Der Schluss wird oft schneller, weil man dann das Ende schon vor Augen hat und es bald “hinter sich” hat. Daher den Schluss bewusst als Genuss zelebrieren (oft ist ja auch im Text eine Überraschung am Ende)! Generell hilft, sich vorzustellen, dass einen die Ältesten im Publikum gut verstehen sollten, dann wird man fast automatisch langsamer und deutlicher.

8. Worauf gilt es beim Lesen von Dialogen zu achten? Wie kann man diese lebendig vortragen und wie gewährleistet man, dass die Zuhörer die unterschiedlichen Gesprächsteilnehmer gut unterscheiden können? 

Bitte nie die Stimme verstellen, das klingt zu übertrieben und unnatürlich! Der Charakter einer Rolle ist entscheidend: Wie ist die Person? Alt und langsam, streng und zackig, dynamisch jung, generell erschöpft, dominant und laut ..., wenn ich den Charakter und die Eigenschaften vor Augen habe, entsteht die Rollengestaltung wie von selbst.

9. Inwieweit sollte man beim Vorlesen versuchen die Emotionen/Situation einer Figur mit der eigenen Stimme kenntlich zu machen? Also z. B. wenn jemand mit einer weinerlichen Stimme spricht, schreit, flüstert oder z. B. außer Atem ist?

Das kommt darauf an: in der direkten Rede ist es durchaus sinnvoll, aber bitte dezent! In der Erzählform wirkt es eher irritierend. Generell gilt: Weniger ist mehr!

10. Welche Übung/en empfiehlst du zur Stimmbildung bzw. um die Stimme facettenreicher zu machen? 

Schriftlich Stimmübungen zu empfehlen wäre unprofessionell, weil man sie vielleicht missverstehen könnte  und sie dann vielleicht sogar schädlich wären. Aber summen, brummen, trällern und singen ist generell gut für die Stimme und hält die Stimmbänder elastisch.

11. Macht es stimmlich einen Unterschied, ob die Lesung vor Livepublikum stattfindet oder online abgehalten wird?

Online kann es immer zu Zeitverzögerungen bei der Übertragung kommen und ich habe kein direktes Feedback vom Publikum als Leserin. Daher gilt es, bewusst sehr deutlich und eher eine Spur langsamer zu sein. Die Qualität des Mikrofons ist ebenfalls von Bedeutung.

12. Eine Frage an die Schauspielerin, Dagmar Kutzenberger: Welche Strategien gibt es, um in Rollen gut einsteigen zu können? Wie mache ich das in Lesungen? Bzw. gibt es Tricks, die ich als Schriftsteller*in davon abgeleitet für die Entwicklung von Figuren nutzen kann?

Ich muss den Charakter der Figur beim Lesen und Interpretieren kennen, genau wie bei der Entwicklung der Figur. Wie geht sie, isst sie, arbeitet sie, schaut sie, atmet sie …, wenn ich weiß, dass die Figur unter Asthma leidet, werde ich in der Interpretation vielleicht ein wenig lauter atmen, wenn sie ein “Pokerface” macht, dann werde ich eher auf einer Tonhöhe sprechen, denn ohne Mimik entsteht auch kaum Melodie. Ein “Bild” der Figur hilft ebenfalls, also wie sieht diese Person und ihre Körpersprache aus, die Körpersprache prägt auch unsere Sprechweise. (siehe auch Frage 8)

13. Hast du Lesetipps zum Thema „Schreiben“ und/oder „Stimme“ für Interessierte?

Ich mag:  

  • Zehn Gebote des Schreibens, DVA: Ein ganz kleines Büchlein, in dem Autor*innen ihre Schreibtricks verraten (nur mehr gebraucht erhältlich)
  • Michael Rossié, Sprechertraining*, List Verlag: Eher für Moderator*innen, aber durchaus interessant
  • In der Sprache liegt die Kraft*, Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf, Herder: Darin geht es um die Wirkung der Worte, gut für sprachliches Selbstcoaching

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Du hast noch Fragen zum Thema "Stimme"?
Schreibe deine Frage/n ins Kommentarfeld. Dagmar beantwortet sie dir gerne!

Links: 

Hier findest Du weitere Informationen zu Dagmar Kutzenberger: 

  • Webseite: www.mikrostimme.at  
  • Buch*: ON-AIR-sprechen & interpretieren

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Fotocredit:  Titelfoto Moritz Schell;  Foto: Klemfrau; Bildquelle Buchcover: thalia.at 

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